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Donnerstag, 23. April 2020

NACHGEFRAGT | Wie fühlt es sich an in der Corona-Krise schwanger zu sein?


AND LIFE SAID: I'M GONNA MAKE YOU HAPPY, BUT FIRST I'M GONNA MAKE YOU STRONG.


Da gab es eine Zeit, in der ich noch die Gelassenheit in Person war. Von der ersten Sekunde meiner Schwangerschaft an erfüllte mich ein tiefes Gefühl des Vertrauens. Ein Vertrauen In mich, meinen Körper und das Baby. Ein Vertrauen darauf, dass alles gut ist und auch in Zukunft alles gut wird. Ich hatte keine Sorgen und keine großen Ängste. Ich war einfach erfüllt von Freude, Liebe und Dankbarkeit. Bis zu diesem einen Moment.


Wurde der Corona-Virus zu Beginn noch von der Mehrheit, inklusive mir, eher müde belächelt, änderte sich diese Sichtweise schleichend von Tag zu Tag. Das Ausmaß wuchs mit jeder neuen Nachrichtenmeldung und bald schon war klar, dass wir es mit einer sehr ernstzunehmenden Erkrankung zu tun haben, die nicht nur unsere Gesundheit, sondern mutmaßlich unser ganzes Leben umkrempeln würde. Auch zu diesem Zeitpunkt war ich entspannt und hegte ein tiefes Vertrauen, dass wir all das unbeschadet überstehen. Ich informierte mich aus wissenschaftlich seriösen Quellen über die Auswirkungen von Covid-19 auf Schwangere, sowie Babys, und kam zu der Erkenntnis, dass wir nicht gefährdeter als andere sind. Doch eines ließ ich dabei fälschlicherweise außer Acht. Mag es aus Optimismus oder Naivität gewesen sein, aber die vollumfängliche Tragweite dieser weltweiten Krise habe ich damals nicht realisiert. Bis zu diesem einen Moment als ich schmerzlich realisierte was das alles für das Ende meiner langersehnten Schwangerschaft und die bevorstehende Geburt bedeuten würde.

Hielt ich die erste Nachricht einer Freundin aus Österreich dass keine Begleitpersonen mehr zur Geburt mitkönnen noch für einen Scherz, so wurde mir nach einer kurzen Recherche schnell bewusst, dass das die bittere Realität ist. Mein Magen drehte sich auf links (dieses Mal nicht von dem unstillbaren Schwangerschaftserbrechen), meine Gesichtszüge entgleisten und mir wurde heiß und kalt zugleich. Die Medienartikel und Zeilen verschwommen immer mehr von meinen Augen. Ich klappte mein Notebook zu und atmete erst einmal tief durch. Bis sich die Frage in mir auftat: Anna-Sophie, wie konntest du so naiv sein zu glauben, diese Situation würde dich in deinem Lebensbereich nicht betreffen? Es dauerte exakt einen weiteren Tag als unsere Wunschklinik von sich aus anrief und uns mitteilte, dass keine persönlichen Geburtsanmeldungen mehr möglich sind und sie nur für den jeweilig aktuellen Tag sagen können ob eine Begleitperson erlaubt ist oder nicht. Auch wenn ein anschließendes Krisentelefonat mit meiner bezaubernden Hebamme meine Panik lindern konnte, so blieb ein großes Fragezeichen und ein tiefes Gefühl der Leere, Traurigkeit und Angst in mir übrig.

Eine Schwangerschaft stellt eine Zeit im Leben einer Frau dar, in der man sich so verletzlich, so sensibel und so schutzbedürftig fühlt wie noch niemals zuvor. Man trägt plötzlich die Verantwortung für ein kleines und zerbrechliches Lebewesen in sich. Gerade als Erstgebärende gibt es permanent so viele Fragen und Unsicherheiten, so viele kleine Ängste - die an manchen Tagen zu einer großen Summe werden. Diese Schwangerschaft ist das Wunder meines Lebens. Wie lange ich gebangt habe ob dieser Wunsch jemals in meinem Leben für mich wahr werden würde. All die Strapazen der großen Operation im vergangenen Jahr. Das insgeheime Hoffen es würde im Anschluss daran klappen. Die Ungewissheit von Arzttermin zu Arzttermin ob wirklich alles in Ordnung ist. Die vielen massiven Beschwerden die leider von der ersten Sekunde an Teil meines Lebens wurden und die Liebe, die trotz allem nicht weniger, sondern von Tag zu Tag mehr wurde.

Ich habe trotz aller Widrigkeiten immer meinen Kopf nach oben gehalten, immer weiter gekämpft, mich versucht nicht zu beschweren, obwohl ich alles was ich zu mir nahm erbrechen musste. Und der Schock als mich die Übelkeit in der 26. Woche so schlimm wieder heimsuchte, dass ich stationär ins Krankenhaus musste. Und meine jederzeit präsente Lebenseinstellung:

Es geht nicht darum was dir im Leben widerfährt, sondern darum wie du damit umgehst.


Und obwohl ich mich nach all den Schicksalsschlägen des letzten Jahrzehnts gerne als qualifizierte Krisenmanagerin bezeichne, fühlte ich mich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit vollkommen überfordert mit der Situation. Ich war so etwas wie handlungsunfähig und realisierte wie sich viele, die bisher Gott sei Dank nicht so häufig mit schwerwiegenden Herausforderungen konfrontiert waren, wohl fühlen müssen. Ich fühlte mich ein bisschen so, als hätte man mich wieder zurück auf den Start, an den Punkt 0, gestellt.

Es wird gesagt man solle die Schwangerschaft genießen. Noch ein vorerst letztes Mal viele schöne Dinge mit dem Partner unternehmen. Sich öfter nochmal etwas Gutes tun. Ganz abgesehen davon, dass das die ersten 6 Monate meiner Schwangerschaft schlichtweg unmöglich war (Stichwort Hyperemesis Gravidarum) - und ich mich in dieser Zeit bereits in einer Art Selbstquarantäne zwischen Bett und Toilette befand - überkam mich das Gefühl meiner Selbstbestimmung beraubt zu werden. Es überkam mich ein Gefühl, welches ich noch nie zuvor so richtig in meinem Leben gespürt habe. WUT. Warum muss das jetzt sein? Ausgerechnet in den letzten 3 Monaten. Warum, wenn wir schwanger sind? Wer weiß ob wir dieses Wunder aufgrund der Endometriose jemals nochmal erleben dürfen. Es ist doch rechtlich bestimmt nicht zulässig Begleitpersonen von der Geburt auszuschließen? Es kann doch nicht sein, dass mein Partner womöglich nicht nur die Geburt, sondern auch die ganzen ersten Tage mit Baby ,verpasst? Fragen über Fragen auf die es nur eine Antwort gab: Abwarten.
Doch wie soll man abwarten, wenn es um etwas so existenzielles geht?

Eine Geburt ist womöglich die intensivste Erfahrung die man als Mensch erleben kann und dazu gehört für mich mein Partner. Punkt. Nicht nur, dass er bisher bei allen Terminen immer dabei war und die größte Stütze meines Lebens ist. Er ist die Liebe meines Lebens. Mein Anker in dieser Welt und es gäbe keinen Moment, den ich nicht mit ihm teilen wollen würde. Die WHO verurteilt übrigens aufs Schärfste diese Entscheidung vieler Kliniken. Uns Schwangeren wird mit dieser Entscheidung nicht nur die dringend notwendige Geborgenheit und Vertrautheit genommen, sondern auch unser Recht auf eine selbstbestimmte Geburt. Und unserem Partner wird die Möglichkeit genommen, den Schmerz mit uns zu bewältigen und die ersten unvergesslichen Momente als Familie zu erleben. Uns werden die kostbarsten Erinnerungen genommen, die uns keiner jemals mehr wieder geben kann. Nicht nur uns nicht, sondern auch nicht unserem Partner und unserem Baby.

Erschwerend hinzu kommt diesbezüglich auch die wissenschaftliche Seite. Wie wir alle wissen ist es um die Geburtshilfe in Deutschland nicht mehr allzu gut bestellt. Wie in anderen Bereichen herrscht Personalmangel und Stress. Es ist erwiesen, dass schlecht betreute Geburten mit deutlich mehr Interventionen einhergehen. Und dabei war die Anwesenheit des Partners noch berücksichtigt. Für einen guten Geburtsverlauf ist es unabdingbar, dass man sich geborgen, sicher und beschützt fühlt. Doch wie soll das gewährleistet werden, wenn keine Vertrauensperson da ist und die arme Hebamme zwischen zwei bis drei Frauen gleichzeitig hin und herspringen muss? Doch denken wir an dieser Stelle lieber nicht weiter.

Ich schätze es ist deutlich geworden, dass mit dem Satz "früher war auch niemand dabei" absolut niemandem geholfen ist. Weder den Schwangeren, den Partnern noch dem medizinischen Personal. Entscheidungen über Einschränkungen, egal in welcher Hinsicht, werden nie leichtfertig getroffen. Das ist absolut hervorzuheben. Doch mir ging es nun primär um die menschliche. Seite dahinter. Um die Langzeitfolgen, die solche Entscheidungen mit sich bringen und darum aufzuzeigen, dass die Abwägung zwischen Nutzen und Schaden bei diesen Entschlüssen nicht aufgehen wird. Ganz im Sinne des Statements der Weltgesundheitsorganisation. Und doch ändert es alles nichts. Jede Klinik darf selbst entscheiden und so bleibt uns nichts anderes übrig als uns tagtäglich über den Stand zu informieren. Zu versuchen nicht verrückt zu werden. Zu versuchen das Gedankenkarussel hinzudämmen und zu hoffen, dass wir und unser Baby so gut es geht durch diese Zeit kommen.

So schnell können Enttäuschungen über einen abgesagten Babymoon oder die fehlende Möglichkeit mit dem Partner nochmal Dinge zu unternehmen, in etwas viel viel tiefgreifenderes umschlagen.

Wie gerne würde ich zuvor nochmal meine Freunde sehen. Meine Familie. Meine alten Arbeitskollegen. Wie sehr hatte ich mir ausgemalt meinen kugelrunden Babybauch im Schwimmbad in die Sonne zu strecken und genüsslich eine Portion Pommes zu essen. Wie gerne hätte ich nach all den Strapazen der ersten beiden Trimester nochmal eine Wellness-Auszeit mit Mats genossen. Doch nun kam einfach alles anders.
So viel anders wie ich mir das niemals hätte ausdenken können.

Auch - und vielleicht gerade weil - sich in Bezug auf meine Schwangerschaft in den letzten Wochen nochmal so einiges geändert hat, bin ich in diesem jetzigen Moment einfach nur froh, wenn das Baby in einigen Wochen wohlbehalten in unseren Armen liegt. Alles was ich mir wünsche ist Gesundheit für unsere kleine Familie und alle unsere Liebsten. Und dann werden wir zuhause die Zeit zu dritt genießen. So oder so nun ohne Besuche, ohne Störfaktoren - sondern einfach nur wir drei in unserer eigenen Babyblase.

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