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Donnerstag, 11. Februar 2021

ENDOMETRIOSE | Meine erste Schwangerschaft

  

Carrying a whole world inside of you


Das Wunder unseres Lebens ist da. Das Wunder meines Lebens. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, als die Diagnose Endometriose durch das leere Krankenhauszimmer hallte. Noch immer spüre ich die Fragezeichen in meinem Kopf und sehe die Oberärztin auf dem Absatz kehrt machen und die Türe hinter sich zuziehen. Dabei hatte sie eine halbe Sekunde zuvor gerade einmal das Wort Endometriose ausgesprochen. "ENDO - what?" denke ich mir. Zurückgeblieben ist eine zutiefst verunsicherte, frisch operierte 23-Jährige Frau. Zurück geblieben bin ich. 


Das ist nun fünf Jahre her. Fünf Jahre in denen ich alle alternativen Ansätze ausprobierte, die helfen könnten. Fünf Jahre voller Hochs und Tiefs. Fünf Jahre voller unvorstellbarer Schmerzen. Fünf Jahre voller neu geschöpfter Hoffnung. Fünf Jahre voller Ängsten. Allen voran der Angst niemals Mutter zu werden. Und meinem einzigen Ausweg: die Flucht in den Gedanken, dass ich ja sowieso keine Kinder haben möchte. Spoiler: natürlich wollte ich immer Kinder haben. Um genau zu sein eigentlich drei. Es gab nur eben diese Zeit in meinem Leben, in der ich gewollt und glücklich Single war. Eine Zeit in der ich mich Hals über Kopf in die Karriere stürzte. Im Nachhinein weiß ich, dass das der einfachere Weg war. Sich nicht seinen Ängsten zu stellen und sich seine tiefsten Träume auszureden. Es ist einfacher das alles aus dem Kopf zu verbannen, als sich der Situation zu stellen, inklusive der Möglichkeit, dass es am Ende eben doch nicht klappt.

Die Erkenntnis kam weitere drei Jahre später in der Uniklinik Erlangen, einen Tag vor meiner großen Operation. " Frau L., wenn wir das jetzt machen, dann bleiben Ihnen 6 Monate Zeit schwanger zu werden. Sie wollen doch Kinder, oder?". Ein unsicherer Blick zu meinem Freund und ein zaghaftes Nicken. 6 Monate. Jetzt oder nie. Zum Glück war die Nervosität vor der Operation so groß. dass sie alle anderen Gefühle übertünchte. Auf dem wochenlangen Weg der Genesung rückte alles wieder in die Ferne, doch am Horizont immer präsent war die Sache mit den Kindern. Die ersten Monate vergingen und nichts geschah. Wir hatten große Hoffnungen, vielversprechende Aussichten und am Ende immer wieder Ernüchterung. Wir waren uns einig, dass wir uns nicht verrückt machen wollten. Dass es okay ist wenn es einen Monat, ein Jahr oder 5 Jahre dauern würde. Wir waren uns einig, dass für uns eine Kinderwunschbehandlung niemals in Frage käme. Diese Gelassenheit beruhigte mich. Sie beruhigte uns. Und so vergingen Tage. Und Wochen.

Unsere Südostasien-Reise rückte unaufhaltsam näher und im Hinterkopf stets der Gedanke: sollen wir fliegen oder nicht? Wir einigten uns darauf, dass wir am Tag vor dem Abflug eine Entscheidung treffen, je nachdem wie dann unsere Vermutung lautet. Wir waren uns an diesem Tag angekommen sicher, dass es auch dieses Mal wieder nicht geklappt hat und machten uns auf den Weg an den Frankfurter Flughafen. Mit im Gepäck Buscopan Plus und alles was man für einen Langstreckenflug mit Endometriose gebrauchen könnte. Ich spürte ein ständiges starkes Ziehen im Unterleib, doch die Endometriose blieb fern. Genauso wie meine Periode. Dass ich bereits in Deutschland im Büro urplötzlich keinen Kaffee mehr riechen, geschweige denn trinken konnte, hatte ich völlig vergessen. Im Delirium aus Jetlag, unfassbar heißem Wetter und all den neuen Eindrücken, realisierten wir das nur am Rande. Doch von Tag zu Tag hatte ich mehr mit meinem Kreislauf zu kämpfen. Nur die frühen Morgen- und späten Abendstunden waren für mich erträglich. Ich schob alles immer wieder auf den Jetlag und das ungewohnte Wetter.

Einige Tage später auf Bali angekommen, hatte ich mich aklimatisiert, doch immer noch keine Spur von meiner Periode. So langsam dämmerte es uns. Die Ängste überwogen unsere kühnsten Träume und so genossen wir die nächste Zeit und freuten uns ab und zu ganz still und leise. In Ubud angekommen breitete sich zunehmend eine alles einnehmende Übelkeit in mir aus, die ihren absoluten Höhepunkt auf dem Weg mit dem Speedboat nach Nusa Lembongan fand. Ich musste alle Meditations-Register ziehen, damit ich mich nicht übergab. Da es mir immer schlechter ging, fanden wir dass es besser sei, wenn wir zurück aufs Festland gingen. Eine weitaus schlimmere Speedboat-Fahrt später, war ich nur noch kreidebleich. Ich hatte das Gefühl jeden Augenblick das Bewusstsein zu verlieren. Stunden später erreichten wir dann das letzte Ziel unserer Reise: Uluwatu. Von dort habe ich leider außer dem Bett und der Toilette nicht viel zu Gesicht bekommen. Spätestens jetzt war klar: Ich. bin schwanger.

Es ist mir bis heute ein Rätsel wie ich die 30h Heimreise schaffen konnte. Ich wusste nur: wenn ich mich jetzt nicht zusammenreise, dann muss ich mich die ganze Zeit übergeben. Mit viel meditieren und Konzentration (mach das mal 30h am Stück :D), klappte es tatsächlich. Doch die endlich-wieder-zuhause-Freude hielt nicht lange an. Die Übelkeit schwebte wie eine dunkle, graue Regenwolke über mir - jeder Zeit bereit zuzuschlagen. Inzwischen konnte ich nicht einmal mehr Wasser, Tee oder Zwieback in mir behalten. Mir ging es zusehends schlechter und die Kilos purzelten.

Und dann hörte ich zum ersten Mal deinen Herzschlag. Und alle Dämme waren gebrochen. Ich weinte und lachte und weinte und lachte. Und mit dem ersten Ultraschallbild in der Hand, war auch der Grund meines Unwohlseins bekannt: Hypermesis Gravidarum. Unstillbares Erbrechen und Übelkeit in der Schwangerschaft. Wie gut, dass ich davon noch nie etwas gehört hatte. Die ersten vier Monate vergingen und ich übergab mich und übergab mich. Gegen Abend hatte ich meist Heißhunger auf irgendetwas und das blieb dann wenigstens drin. Als ich in den fünften Monat kam reduzierte sich die Übelkeit auf 1-2x pro Woche. Natürlich traf es dann im Dezember ausgerechnet Weihnachten und Silvester. Wenigstens war ich nach ein paar Stunden halbwegs wieder auf der Höhe. Im Laufe des Januars war dann an die Hypermesis nicht mehr zu denken. Was für ein Glück.

Stattdessen meldete sich meine Symphyse. Heiliger Bim Bam, ich wusste nicht wie schmerzhaft das ist. Und so kroch ich fortan vorwärts wie eine Schnecke. Schritt für Schritt. Und mit jedem Mal fühlte es sich an als steche jemand mit einem Messer zu. Mit dem ein oder anderen Trick besserte sich die Situation etwas und sogar kleinere Spaziergänge waren wieder möglich. Ich war viel auf Heimatbesuchen, auf Geburtstagen und besuchte andere schwangere Freundinnen. Bis zu dem einen Februartag als ich nachmittags heimkam und mich ein Gefühl ergriff, dass ich nur allzu gut kannte. Mitten in der 24. Schwangerschaftswoche überfiel mich die unstillbare Übelkeit auf ein Neues. Bis zum nächsten Morgen musste ich mich so oft übergeben, dass ich beim achten Mal aufhörte zu zählen. Ich war derart geschwächt und dehydriert, dass mein Mann morgens beim Arzt anrufen musste, weil ich kein Wort mehr rausbrachte. Dort angekommen war relativ schnell klar, dass die Situation zu eskalieren drohte, da ich absolut nichts mehr in mir behalten konnte. Und so endete der Rückfall im Krankenhaus mit Infusionen, Nierenproblemen und so weiter. Zum Glück ging es unserer kleinen Erbsen zu jeder Zeit gut.

Es dauerte fast zwei Wochen bis mein Körper und ich uns davon erholten. Und ehe wir uns endlich wieder auf die schönen Dinge des Lebens freuen konnten, stand Corona vor der Tür. Doch nicht nur Corona tauchte gefühlt aus dem Nichts auf, sondern auch etwas anderes. Völlig unerwartet stellte man bei einer Routineuntersuchung im Ultraschall eine frühzeitige Plazentaverkalkung fest. Da war ich gerade einmal in der 30. Woche. Meine Vertretungsärztin, zu der ich aufgrund von Corona musste da meine eigentliche Ärztin zuhause war, besaß leider keine Spur von Feingefühl. Wenige Minuten später lief ich tränenüberströmt aus der Praxis, setzte mich ins Auto und rief meine Hebamme an, die sofort vorbeikam. Hebammen sind einfach die wahren Engel dieser Welt. Sie hörte mir zu, tröstete mich und sprach mir Mut zu. Des Weiteren veranlasste sie, dass ich mich in einer Gerinnungsambulanz vorstellte, da es bei so einer jungen Frau einen Grund für die Plazentaverkalkung geben musste. Ja den gab es. Einige Blutentnahmen und Arzttermine später erhielt ich die Nachricht, dass ich einen Gendefekt habe, der mein Thromboserisiko um das 8 bis 10-fache erhöht. In einer Schwangerschaft dementsprechend sogar noch höher. Mit der Info, dass ich vom ersten Tag an eigentlich auf Medikamente angewiesen war, schaltete sich mein Gehirn ab. Over and out. Das war zu viel für mich und das Gedankenkarussell kreiste unaufhörlich.

Denken wir jetzt lieber nicht daran wie viele Operationen ich bereits hinter mir habe, dass ich eine Weltreise gemacht habe und schwanger zwei Langstreckenflüge geflogen bin. Dass ich 2017 mit dem Verdacht auf eine Thrombose einfach unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt wurde. Denken wir jetzt lieber nicht daran.

Dass am Ende der Schwangerschaft nichts mehr zu retten war, leuchtete mir ein. Also galt es nun Schlimmeres zu vermeiden und so spritzte ich mir tagtäglich Spritzen in die Beine. Als diese irgendwann mit blauen Flecken übersät waren, musste mein geliebter Babybauch dran glauben. Hat sich schon mal jemand selbst Spritzen in den Babybauch gesetzt? Es ist das schrecklichste und falscheste Gefühl, dass ich jemals gefühlt habe. Bis zum Ende der Schwangerschaft konnte ich mich nie daran gewöhnen und saß minutenlang mit der Spritze in der Hand da um mich zu überwinden. Zu was man alles in der Lage ist, wenn man muss...

Nicht nur Corona machte also unsere bevorstehende Geburt ungewisser, sondern auch diese blöde Plazentainsuffizienz. Die Arzttermine fanden in immer kürzer werdenden Abständen statt und mein Mutterpass musste um extra Seiten ergänzt werden, so viele Arztbesuche nahmen wir wahr. Der Zustand der Plazenta verschlechterte sich zunehmend, aber unsere kleine Erbse war zu jeder Zeit ausreichend versorgt, auch wenn sie kaum noch zunahm. Schon zu Beginn wurde mir gesagt, dass das Baby sehr wahrscheinlich früher auf die Welt kommen müsse. Man würde uns engmaschig kontrollieren und überprüfen ob die Versorgung über die Gefäße noch gut genug gewährleistet ist. Sobald etwas auffällig werden würde, müsse man die Geburt einleiten. Auch das noch... Mit einem Schlag war mein Traum von einer Hausgeburt mit meinen zwei vertrauten Hebammen geplatzt. Auch die Geburt in meiner Wunschklinik würde so nicht stattfinden können. Ich höre noch heute die Worte meiner Hebamme in meinen Ohren nachhallen "Anna, es wäre für euch alle besser, wenn eine Kinderklinik dort wäre. Nur zur Sicherheit". Ich höre diese Worte immer und immer wieder und fühle das Gefühl der absoluten Machtlosigkeit als ich realisierte, dass alles aus dem Ruder lief und ich mich in riesigen Schritten immer weiter von meiner Traumgeburt entfernte.

Es gab in der ganzen Region eine einzige für mich vorstellbare Geburtsklinik mit Kinderklinik. In dieser ist auch eine meiner Hebammen tätig. Doch durch Corona hätte mein Mann nur am Ende dazukommen dürfen und hätte nach der Geburt direkt wieder gehen müssen. Das heißt, wir hätten uns erst Tage später wieder gesehen. Das war ausgeschlossen. Vollkommen ausgeschlossen. Damit fiel die Entscheidung auf die Uniklinik vor Ort. Im Nachhinein betrachtet war der Rat meiner Hebamme absolut richtig, auch wenn das uns die Erfahrung einer schönen Geburt kostete. Wir hatten bis zuletzt gehofft, dass die kleine Erbse schwerer ist als sie im Ultraschall geschätzt wurde, doch am Ende kam unser Baby sogar mit 300g weniger als geschätzt auf die Welt. Zum Glück von der ersten Sekunde an kerngesund und topfit. Doch das weiß man natürlich vorher nicht. Ich bin dankbar für die moralische Unterstützung meiner Familie, Freunde und meiner Hebammen. Auch wenn die Geburt das komplette Gegenteil von dem war was wir uns gewünscht hatten, so sind wir aus tiefstem Herzen dankbar, dass alle gesund sind. Mit dem Rest können wir uns arrangieren.

Fast ein Jahr habe ich gebraucht um das hier zu teilen. Weshalb? Weil es mir als stets optimistischer und immer positiv denkender Mensch schwer fällt so ein Erlebnis zu erzählen. Wie gerne hätte ich von schönen Dingen berichtet. Davon, dass alles leicht, schwerelos und magisch war. Doch das war es die meiste Zeit eben nicht. Und das ist vollkommen okay so. Die wenigstens Schwangerschaften sind so wie man sich das ausmalt. Manche reden darüber und manche nicht. Ich habe mich monatelang schlecht gefühlt, weil alle immer von diesem Glow reden und ich mir vorkam als sei ich die einzige Frau auf dieser Welt, die ihre Schwangerschaft nicht genießen kann. Wir mussten Essensgelüste gegen Übelkeit eintauschen, zu viele Kilos gegen zu wenige. Aufgrund von Corona gab es keinen Geburtsvorbereitungskurs und die ständige Ungewissheit ob mein Mann am Ende überhaupt mit zur Geburt darf. Während des gesamten Aufenthalts, auch im Kreißsaal, gab es eine Maskenpflicht.

Ich hätte mir oft gewünscht zu wissen, dass es jemandem genauso geht. Dass man mit all dem nicht alleine ist. Also, falls du das hier liest und deine Schwangerschaft (aus welchen Gründen auch immer) nicht richtig genießen kannst: fühl dich nicht schuldig. Fühl dich nicht falsch. Du bist nicht alleine, ganz sicher nicht. Lass deine Ängste zu. Lass deine Gedanken zu. Und sei dir sicher wie stark und wundervoll du bist. Du schaffst das.



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