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Sonntag, 14. Februar 2021

FAMILIE | Wie es wirklich ist Mama zu werden

"Es wird hier nicht nur ein Kind geboren, sondern auch eine Mama."  


255 Tage Mama. 255 Tage ganz große Baby Liebe. Und nie wieder würde ich etwas daran ändern wollen. Doch diese Gefühl musste einige Umwege gehen. Ein Kind zu erwarten macht einen so sensibel, so verletzlich und schutzbedürftig wie Nichts jemals zuvor. Ich hatte das Gefühl als wäre meine harte Schale plötzlich geknackt und alle Gefühle und Emotionen könnten ohne Hindernis von Außen nach Innen und umgekehrt gelangen. Ohne große Mühen, einfach so. Rund um die Uhr. Das ist ganz schön anstrengend, insbesondere wenn man als hochsensibler Mensch ohnehin feine Antennen besitzt und es einem schwer fällt sich abzugrenzen. Ein kleines Lebewesen in sich zu tragen macht einen ehrfürchtig, dankbar und sehr sehr demütig vor dem Leben und vor der Natur. Es erhebt einen auf eine andere Ebene des Daseins, die einem nicht richtig gelingt zu begreifen. Immer wieder erinnere ich mich an die Worte meiner besten Freundin "Es wird im Kreißsaal nicht nur ein Kind geboren, sondern auch eine Mama". 255 Tage später weiß ich was sie damit meinte.


Auch wenn ich wusste, dass unsere Schwangerschaft vermutlich früher als gedacht enden würde, gelang es mir bis zur Geburt nicht zu begreifen was uns erwarten würde. Ich gab mir allergrößte Mühe, doch in letzter Instanz kann man dieses Wunder einfach nicht realisieren, egal wie sehr man sich bemüht. Je näher die Geburt rückte, desto mehr Fragen tauchten in mir auf: Geht es dem Baby gut? Wie wird die Geburt? Wird alles so wie wir uns das gewünscht haben? Werden wir gute Eltern? Wie werden die ersten Tage wohl werden? Die ersten Wochen? Die ersten Monate? Können wir dem Baby alles geben was es braucht? Werden wir alles richtig machen? Das Gedankenkarussell nahm Fahrt auf und war nicht mehr so leicht zu stoppen. Meine Freundinnen und Hebammen beruhigten mich, dass das alles völlig normal ist, denn nicht nur der Körper bereitet sich natürlich auf die Geburt vor, sondern auch der Kopf muss sich öffnen.  Diese seelische Offenheit macht einen verletzlich und angreifbar. Alle Filter und alle Schutzmauern sind gebrochen, damit wir mit diesem Wunder in Verbindung gehen können. Und so genossen wir die letzten Wochen voller Ungewissheit, Vorfreude und einer Prise Ungläubigkeit.

Und dann war da der Moment. Der Moment nach all dem Schmerz, als wir zum ersten Mal in dein perfektes Gesicht blickten. Der Moment in dem ich realisierte, dass ich Mama bin. Der Moment in dem ich zu mir sagte, dass ich mein Leben lang gut auf dich aufpassen muss. Der Moment, in dem alle Gefühle wild durcheinander funkten. Während ich versorgt wurde, musste ich lange 30 Minuten auf den Moment warten, an dem ich dich zum ersten Mal ganz fest halten konnte. Unendlich lange 30 Minuten, die ich ohne dich und deinen Papa verbrachte. Noch völlig im Delirium kreisten meine Gedanken immer wieder zu dir. Und dann war er da. Der Moment an dem ich dich zum ersten Mal selbst halten konnte. Der Moment an dem du dich an mich schmiegtest und ich wusste wir waren immer eins. Und wir werden für immer eins bleiben.

Wie klein und zerbrechlich du warst. Und wie schwer du es hattest in dieser grellen, lauten und kalten Welt anzukommen. Ich wollte dich so nah halten wie es nur geht und nie wieder los lassen. Doch viele Umstände durchkreuzten ein geborgenes und friedliches Ankommen im Familienleben. Die Geburt, bei der einiges nicht so verlief wie erwartet. Viel zu viel Milch und eine schwere Brustentzündung, wegen der ich stationär in die Uniklinik musste und wir getrennt voneinander waren.  Die Besuche im Wochenbett, die ich eigentlich vermeiden wollte und am Ende das Fass zum Überlauf brachten. Das Leben zu Dritt fernab von Familien und Freunden, ohne jegliche Form von Unterstützung im Alltag. Viele kleine Puzzleteile, die am Ende ein großes Ganzes ergaben.

Unser Start war wahrlich nicht einfach. Wir kämpften uns durch Stunden und Tage voller Schreien. Wir taten alles was wir konnten, doch scheinbar nichts half. Wir waren verzweifelt, am Boden zerstört und vollkommen am Ende unser Kräfte. Es vergingen Tage, Wochen und letztendlich Monate. Fünf lange Monate. Wenn man jeden Tag, jede Sekunde alles gibt was man hat... (Nein, man gibt sogar noch weit mehr als das) und trotzdem nichts hilft, dann gelangt man unweigerlich an das Ende seiner Kräfte. Wir haben an uns gezweifelt. Wir haben uns gefragt ob wir etwas übersehen haben. Es gab Stunden in denen wir einfach nicht mehr konnten. Und in denen wollte ich auch nicht mehr. 
War das das Leben mit Baby von dem alle sprachen? Diese rosafarbene, heile, schillernde Welt? 

An diesem einen Abend, als ein unendlich langer Tag hinter mir lag, an dem es mir gesundheitlich fürchterlich schlecht ging und dir auch. Und keines unserer beider Bedürfnisse auch nur halbwegs gestillt wurde - da hätte ich am liebsten das Handtuch geschmissen und wäre in die Karibik geflogen. Doch das ging nicht. Und das war gut so.

Wir alle sind über uns hinaus gewachsen. Wir konnten die äußeren Umstände nicht ändern. Und so waren wir gefragt uns selbst zu ändern. Ich habe gelernt, dass da-sein mehr bedeutet als alles andere. Ich habe gelernt, dass es ausreicht zu lieben, anzunehmen und zu begleiten. Ich habe gelernt, dass das Zauberwort loslassen heißt. Vorstellungen, Erwartungen und den eigenen Druck. Erst durch dieses loslassen, verbindet man sich wieder mit der Wirklichkeit. Ich habe gelernt, dass das wertvollste Geschenk für deinen Lebensweg ist, zu wissen, dass da immer jemand ist der für dich da ist. Der dich bedingungslos liebt und du stets mit all deinen Emotionen so angenommen wirst wie du bist. Ich habe gelernt, dass alles was wir haben dieser jetzige Moment ist. Ich habe gelernt, dass man aus diesem Moment das Bestmögliche machen sollte. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass der Tag an dem die große Entlastung kommen soll, vielleicht niemals kommen wird. Ich habe gelernt, dass man jede Situation so annehmen sollte wie sie ist. Ohne Wertung und ohne Vorwürfe. Ich habe gelernt, dass es sich lohnt Wege zu finden um im Hier und Jetzt glücklich zu sein - auch wenn es Monate dauert und manchmal mit Rückschritten einhergeht.

Und plötzlich machte alles Sinn. Ja, auch eine Mama muss erst geboren werden. Auch wir müssen alle erst in unsere Rolle finden. Je nach Umständen, Bedürfnissen des Babys und dem Verlauf dauert das kürzer oder länger. Mutter zu werden ist die herausforderndste Aufgabe des Lebens. Eine Aufgabe für die es kein Skript, keine Probezeit und keine Vorbereitung gibt. Man ist von jetzt auf gleich komplett fremdbestimmt. Alles was man tut richtet sich nur noch und ausschließlich nach dem Baby. Man steckt alles zurück, auch seine Grundbedürfnisse wie Hunger und Schlaf. Und irgendwann kommt man an seine Grenze und weiß, dass man trotzdem weiter gehen muss. Und plötzlich wächst man übers sich hinaus und wird ein Team. 

Und dann bekommt dieses Mama-sein eine vollkommen neue Bedeutung mit einer Liebe die von Tag zu Tag wächst, wie man es sich niemals hätte vorstellen können. Mama-sein fühlt sich an als würde man sein Herz außerhalb des Körpers tragen. Mama-sein ist unvorstellbar erfüllend, sinnstiftend, bereichernd und heilsam. Und nie wieder würde ich eine Sekunde an deiner Seite missen wollen. Du hast mich dazu eingeladen das Leben aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Du hast mich dazu eingeladen meine Wirklichkeit zu verändern. Du hast mich dazu eingeladen über meine Grenzen hinaus zu wachsen. Du hast mich dazu eingeladen zu verstehen was es wirklich bedeutet im Hier und Jetzt zu leben. Du hast aus mir nicht nur eine Mama gemacht, sondern auch einen besseren Menschen - und dafür bin ich dir für immer aus tiefstem Herzen dankbar. 


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